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>>Wenn ich auch seit vielen Jahrzehnten im Ausland lebe, so bin ich im Herzen doch immer ein „Pforzheimer“ geblieben<<

"Ich bin stolz auf meine Heimat und gratuliere meiner Geburtsstadt Pforzheim zu 250 Jahren Schmuckschaffen. Wenn ich auch seit vielen Jahrzehnten im Ausland lebe (Barcelona, Paris, New York), so bin ich im Herzen doch immer ein „Pforzheimer“ geblieben, was sich auch darin zeigt, dass ich nach so vielen Jahren noch immer „Pforzemerisch schwäze“ kann.

Zu meinen Brüdern und Verwandten und vielen meiner Jugendfreunde in Pforzheim habe ich rege Verbindung und auch meine Aktivitäten der späten 1950’ Jahren als Mitglied und Musiker im Pforzheimer Jazzclub in der Rudolfstrasse, sind für mich einzigartige und wichtige Bestandteile meiner Pforzheim Vergangenheit. Der Kontakt zu meiner Pforzheimer Großfamilie mit 125-jähriger Schmucktradition ist mir ebenso wichtig wie der lebendige Bezug zur Traditionsindustrie, denn ich habe ja in Pforzheim eine Goldschmiedelehre absolviert und an der Kunst + Werkschule bei Prof. Klaus Ullrich und Prof. Adolf Buchleiter viele Semesterstudiert. Die tiefe Freundschaft und unzählige Diskussionen mit Prof. Reinhold Reiling und dem Grafiker Rainer Mürle, spielten später in meiner Entscheidung mich ganz der freien Kunst zuzuwenden eine entscheidende Rolle.

Aus der Kreativität und die Weltoffenheit der Schmuckstadt entwickelten sich in 250 Jahren eine bedeutende Schmuckkultur , die nicht im Selbstzweck verharrte sondern auf andere Wissensgebiete ausstrahlte und sich z.B. in Feinmechanik, Architektur und bildender Kunst ausfächerte. Pforzheim ist heute, und das kann ich immer wieder aus dem Ausland bestätigen, ein sehr bekanntes und wichtiges Zentrum für Gestaltung in Schmuck und Design.

Auch ich habe in meiner künstlerischen Laufbahn auf Wissen und Können früherer Generationen zurückgreifen dürfen und von einer formalen Feinfühligkeit profitiert, denn mein Grossvater Victor Mayer war ja gelernter Stahlgraveur und ein hervorragender Zeichner, den ich als Kind in seinem Kabinett fast täglich besuchen durfte und vieles bewusst oder unbewusst gelernt habe. Sein Fabriklokal hatte es mir ganz besonders angetan, denn dort beobachtete ich immer wieder gebannt, die damals üblichen, unglaublich komplizierten, aber genialen mechanischen Transmissionen aus breiten Lederbändern die entlang der Fabrikdecke auf verschieden abgestuften Holzrädern liefen und so, Schüttelfässer, Fräser, Bohrer, Schleifbändere, Sägen etc. abwechselnd und geschwindigkeitsgesteuert mit nur einem einzigen Motor antrieben.

Es besteht meines Erachtens eine enge Interdependenz zwischen der Pforzheimer Industriegeschichte und der bildenden Kunst aus der im Laufe zweier Jahrhunderte viele profilierte Pforzheimer Kunstschaffende und eben auch ich, hervorgegangen sind. Obwohl ich mich von dieser handwerklichen Tradition sozusagen losgesagt habe und mich einer anderen technologischen Idee, nämlich die Verwendung des Computers in meiner Kunst zugewandt habe, gab mir mein technisches Wissen und Können immer eine solide Grundlage.

Mein in den 1960er Jahren erträumtes Anliegen, mit Algorithmen eine rationale Kunst zu schaffen, die aus einer nicht visuellen Logik ein visuelles Resultat erschafft, ist inzwischen eine weltweit akzeptierte Realität geworden. In diesem Sinne wünsche ich der Goldstadt Pforzheim eine dynamische und erfüllende Zukunft und grüße Sie alle sehr herzlich aus New York."

Manfred Mohr ist Digitalkunst-Pionier und wurde in Pforzheim geboren.